Industrie 4.0 – Vision und Realität

Heinz Willems

Heinz Willems

Eine dreiteilige Beitragsserie zum Thema „Industrie 4.0“

Vision und Realität, dritter Teil.

Nach anfänglicher Euphorie der Industrie- und Logistikunternehmen für das Zukunftsprojekt Industrie 4.0 der deutschen Bundesregierung, welches im Jahre 2011 erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, ist diese im Jahr 2015 zum Teil „ins Stocken“ geraten.

Die Vision

Die im Zukunftsprojekt Industrie 4.0 beschriebenen Konzepte, Strategien und Maßnahmen bieten nach wie vor eine große Chance für Industrie und Logistik. Insbesondere sind hier klein- und mittelständische Unternehmen gefordert, um nachhaltig ihre Marktposition zu festigen und auszubauen. Es sind gerade die KMU, welche durch das Zukunftsprojekt Industrie 4.0 profitieren können.

Die Realität

Die Gründe für die Entschleunigung Industrie 4.0 sind vielfältig und in allen Bereichen zu suchen. Die Kritik richtet sich beispielweise an das Management, an diverse Gremien, z. B. für Normierung von Kommunikationsstandards, an die schwerfällige Bürokratie in den Unternehmen bis hin zum Zukunftsprojekt Industrie 4.0 selbst, welches zu sehr auf den deutschen Wirtschaftsstandort zugeschnitten ist.

Industrie 4.0 Europa

Einer der wesentlichen Kritikpunkte, die für das Stocken von Industrie 4.0 angeführt werden, ist die mangelnde gegenseitige Abstimmung und Kooperation der Unternehmen in Deutschland sowie in der EU. Die unterschiedlichen wirtschaftlichen- und wirtschaftspolitischen Interessen und Zielsetzungen der Unternehmen müssen in stärkerem Maße gebündelt, koordiniert und vorangetrieben werden. Weiterhin ist die Politik erheblich gefordert, um die dringend erforderlichen Rahmenbedingungen europaweit verbindlich zu schaffen. Die EU benötigt eine konzertierte Aktion, die sich dieser Problematiken annimmt und forciert. Geredet ist genug, was fehlt, sind konkrete Maßnahmen und Impulse aus Wirtschaft und Politik.

Innovationsrückstau

Auch in der Managementebene tut man sich schwer mit Industrie 4.0. Der deutsche Netto-Investitionsanteil ist seit Beginn des 3. Jahrtausends um ca. 78 % relativ gesunken und liegt damit erheblich unter dem EU-Durchschnitt. Die teilweise überalterte Infrastruktur in den Fabriken verlangt praktisch nach einer umfangreichen Erneuerung. Doch man tut sich schwer mit dem digitalen Wandel und damit verbundenen Innovationen. Der Wirtschaftsjournalist Roland Tichy schreibt dies einer Fortschrittsangst, begründet in der 68er-Generation, zu, die noch nicht überwunden sei. Dieses ist mit Sicherheit ein Aspekt, der für die zurückhaltende Bereitschaft, zum aktuellen Zeitpunkt in Zukunftstechnologien zu investieren, angeführt werden darf. Doch die abwartende Position und die gebremste Innovationsbereitschaft, in die vierte industrielle Revolution einzutauchen, liegt meines Erachtens an der noch jungen Geschichte des Vorhabens Industrie 4.0. Vielfach ist es die mangelnde Kenntnis in Bezug auf die Strategien, Konzepte und Maßnahmen, die das Zukunftsprojekt Industrie 4.0 zusammenfasst. In vielen Unternehmen fehlen aktuell Mitarbeiter, die das komplexe Paket Industrie 4.0 erfassen und umsetzen können. Dieses Problem ist zum Teil hausgemacht. Eine innerbetriebliche Qualifizierung der Mitarbeiter im Hinblick auf neue Technologien wird bzw. wurde nur unzureichend gefördert. Aber auch die Politik muss sich hier den Vorwurf der sozialen Schieflage im Bildungssystem gefallen lassen, die in direkter Konsequenz dafür mitverantwortlich ist, dass hochqualifizierte Mitarbeiter fehlen. Das in einigen Bundesländern bereits eingeführte „Turbo-Abitur“ wurde glücklicherweise wieder ad acta gelegt.

Qualifikation benötigt ihre Zeit. Reformen, die dem entgegenstehen, sollten dringendst überarbeitet werden.

Datenschutz

Ein weiterer Hemmschuh bei der Umsetzung von Industrie 4.0 bildet der EU-Datenschutz. Die Umsetzung der Richtlinien des Datenschutzes in kryptographische Lösungen für vernetzte Systeme mittels „Privacy by Design“ gestaltet sich schwierig, wie es die aktuelle Diskussion für vernetzte Autos (Car-2-Car und Car-2-X) zeigt. Gerade der zweite Grundsatz „verantwortungsvolle Geschäftspraktiken“ ist für viele Unternehmen ein Hemmnis, da der wirtschaftliche Nutzen oft höher bewertet wird als der Datenschutz. Vernetzte Autos liefern stündlich ca. 20 – 25 Gigabyte an Daten, die in Echtzeit, das heißt unmittelbar, verarbeitet werden wollen. Die Automobilindustrie sucht und entwirft Geschäftsmodelle, die diese Daten auswerten und verarbeiten, bevor sie verfallen, und erwartet Umsätze in Milliardenhöhe. Doch nicht bei jedem Geschäftsmodell werden Sicherheit, Effektivität und Rechtslage ausreichend berücksichtigt.

Gerade die Sicherheit personenbezogener Daten ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Akzeptanz von „Industrie 4.0 Europa“. Doch was steckt nun hinter dem Begriff„Privacy by Design“?

„Privacy by Design“ umfasst die Bereiche IT-Systeme, verantwortungsvolle Geschäftspraktiken und das physikalische Design von vernetzten Infrastrukturen. Das grundsätzliche Ziel von „Privacy by Design“ ist der Schutz personenbezogener Daten. Hierfür sieht das Model „Privacy by Design“ sieben Grundsätze vor.

  1. Proaktiv, nicht reaktiv; als Vorbeugung und nicht als Abhilfe. Er sieht in die Privatsphäre vordringende Ereignisse voraus und verhindert sie, bevor sie geschehen können.
  2. Datenschutz als Standardeinstellung. Einzelpersonen sind nicht gefordert, selbst etwas für den Schutz ihrer Privatsphäre zu unternehmen – der Schutz ist bereits systemimmanent, als Standardeinstellung.
  3. Datenschutz ist in das Design eingebettet. Datenschutz ist ein wesentlicher Bestandteil des Systems, ohne Abstriche bei der Funktionalität.
  4. Volle Funktionalität – eine Positivsumme, keine Nullsumme. Durch Privacy by Design wird die Vortäuschung falscher Dichotomien wie Datenschutz versus Sicherheit vermieden.
  5. Durchgängige Sicherheit – Schutz während des gesamten Lebenszyklus. Alle Daten werden sicher gespeichert und am Ende des Prozesses sicher und rechtzeitig vernichtet werden. So sorgt Privacy by Design von der Wiege bis zur Bahre durchgängig für eine sichere Datenverarbeitung.
  6. Sichtbarkeit und Transparenz – Für Offenheit sorgen. Das System verfolgt unabhängig von Geschäftspraktiken oder Technologien wirklich die angekündigten Maßnahmen und Ziele und unterwirft sich einer unabhängigen Prüfung. Seine einzelnen Komponenten und Verfahren bleiben sichtbar und transparent, und zwar gleichermaßen für Nutzer und Anbieter.
  7. Die Wahrung der Privatsphäre der Nutzer – Für eine nutzerzentrierte Gestaltung sorgen „Privacy by Design“ erfordert vor allem von den Architekten und Betreibern (von IT-Systemen), dass für sie die Interessen der Einzelpersonen an erster Stelle stehen.“

Die Datensicherheit der der Nutzer sollte immer an erster Stelle, beispielsweise sollen Voreinstellungen für den persönlichen Datenschutz bereits als benutzerfreundliche Option gesetzt sein.

Schaffung von Standards

„Deutschland ist spezialisiert auf die Erforschung, Entwicklung und Fertigung von Produktionstechnologien und ist der führende Fabrikausrüster der Welt.“ Dieser Satz stammt aus den Umsetzungsempfehlungen des von der Forschungsunion Wirtschaft und Wissenschaft gebildeten Arbeitskreises Industrie 4.0.

Die Gremien, die sich mit der Normierung und Standardisierung beschäftigen, müssen sich ebenfalls der Kritik stellen. Den Gremien und Behörden wird eine gewisse Trägheit nachgesagt. Die Arbeit dieser Gremien ist aber für das Gelingen von Industrie 4.0 in Europa von eminenter Bedeutung.

Normierung und Standardisierung bilden das Fundament zu Industrie 4.0

Ein Alleingang bundesdeutscher Gremien führt in eine Sackgasse. Um weiterhin einer der „führenden Fabrikausrüster der Welt“ zu bleiben, müssen die Normierungs- und Standardisierungsbemühungen europaweit erfolgen, da ansonsten die Vision Industrie 4.0 im Zug der „4. industriellen Revolution“, sowohl bundes- als auch europaweit, auf einem Abstellgleis fährt.

Weichenstellung für die Zukunft

Doch noch kann die Weichenstellung Richtung Zukunft korrigiert werden. Neben aller Skepsis bieten das Zukunftsprojekt Industrie 4.0 und der digitale Wandel deutlich mehr Chancen als Risiken, sowohl für den Wirtschaftsstandort Deutschland als auch für Europa.

Erfreulich ist, dass die Regierungen von Frankreich und Deutschland erkannt haben, dass Industrie 4.0 nur auf europäischer Bühne gespielt werden kann. Bereits im Frühjahr dieses Jahres haben beide Länder eine Zusammenarbeit beschlossen.

Es braucht Vorreiter in der Hightech-Disziplin, um das Vorhaben Industrie 4.0 als eine der größten Herausforderungen, aber auch als eine der größten Chancen für den Wirtschaftsstandort Europa voranzutreiben. Eine gemeinsame europäische Roadmap „Industrie 4.0 Europa“ wäre bestimmt eine Weichenstellung in die richtige Richtung, um die Wettbewerbsfähigkeit im digitalen Zeitalter für Europa zu sichern.

Der Mensch steht im Mittelpunkt

Die Angst der Menschen in Europa vor dem „digitalem Tsunami“ sollte durchaus ernst genommen werden. „Angst“ beschreibt im Gegensatz zur „Furcht“ etwas Unbestimmtes, nicht Greifbares. Diese unbestimmte „Angst“ ist oft auf allen betrieblichen Ebenen zu beobachten, wenn beispielsweise Neuerungen oder Restrukturierungen anstehen. Doch vielen dieser „Ängste“ kann mit Mitteln und Verfahren aus dem Changemanagement begegnet werden.

Meines Erachtens sind Existenzängste größtenteils unbegründet. Noch nie hatte Europa eine so große Chance, den Wirtschaftsstandort Europa nach vorne zu bringen, als aktuell. Wir stehen an der Schwelle zur vierten industriellen Revolution. Die Neuerungen, die auf die Menschen in Europa durch den digitalen Wandel und die Strategien aus Industrie 4.0 zukommen, sind so immens und komplex, dass sie kaum zu definieren und zu erfassen sind. Einhergehend mit der großen Komplexität, die hinter der Vision Industrie 4.0 steckt, wird eine enorme Schar von hochqualifizierten Ingenieuren, Facharbeitern, Servicekräften und Mitarbeitern benötigt, die die Konzepte und Ideen des digitalen Wandels realisiert. Eine einmalige Chance für den Arbeitsmarkt in Europa. Der Mensch wird dabei weiterhin im Mittelpunkt stehen, denn ohne ihn wird es keine vierte industrielle Revolution geben.(HW)